Syberia 3 Test Syberia 3 (PC/Xbox One/Playstation 4)

Syberia 3 – Die Rückkehr nach Osteuropa

Eine Art Neuanfang!

[Anmerkung: Das Testmuster wurde vom Hersteller zur Verfügung gestellt – die geteste Fassung ist die Playstation 4 Version]

Syberia 3

Nach 12 Jahren gibt es ein Wiedersehen mit Kate Walker!

Viele Neukäufer werden sich natürlich zunächst fragen ob sich denn der Einstieg in den dritten Teil einer Reihe überhaupt lohnt? Baut die Handlung nicht auf den Vorgängern auf? Braucht man kein Vorwissen um die Beziehung der Charaktere untereinander und die ganzen Anspielungen zu verstehen? Hier macht es Syberia 3 es einem wirklich einfach, denn die Handlung der beiden Vorgänger, die geschichtlich sehr eng miteinander verschränkt waren, ist ja quasi abgeschlossen. Syberia 3 spinnt einen neuen Erzählstrang, der zwar an Syberia 1 und 2 angelehnt ist, aber komplett eigene Wege geht. Dies wird auch dadurch gut umgesetzt, weil wichtige Namen und Ereignisse einem im Zug von vielen Dialogen erklärt werden. Ganz neugierigen Einsteigern wird aber der Kauf der wirklich großartigen Vorgänger empfohlen.

Es geht Richtung Osten!

Syberia 3

Der Nomadenstamm der Youkol rettet Kate das Leben

Eine unbestimmte Zeit nach dem Ende von Syberia 2 wird Kate Walker fast erfroren am Ufer eines Eissees von dem nomadischen Stamm der Youkol aufgefunden. Diese kurzwüchsigen, stämmigen Gesellen, die von ihrer Kultur ganz stark an die Mongolen angelehnt sind, holen Kate Walker von der Schwelle des Todes. Aus Dankbarkeit und weil sie den Kontakt zu ihrer Familie und ihrem Verlobten in den USA abgebrochen hat, beschließt Kate den Youkol bei der Wanderung der riesigen Eisstrauße zu unterstützen. Ihre Reise führt Kate durch eine postsowjetische Irrenanstalt, ein Fischerdorf im Fachwerk-Baustil und eine verstrahlte Geisterstadt, die wohl ganz schwer von Pripyat (Tschernobyl) inspiriert wurde. Die gesamte Spielwelt wirkt dabei charmant und authentisch, da Microids ihre Hausaufgaben gemacht haben und original sowjetische Propagandaposter verwendet haben. Außerdem wurde darauf geachtet, dass die in Spieldokumenten verwendete Sprache fehlerfreies Russisch ist (selbstverständlich wird der Text übersetzt)! So eine Detailliebe sieht man von einem westlichen Entwicklerstudio nur äußerst selten! Damit tritt auch Syberia 3 in die Stapfen der Vorgänger und lebt das Prinzip „Der Weg ist das Ziel“ weiter, welches auch in Syberia 1 und 2 ein ganz zentrales Motiv war. Syberia 3 schafft es die Voraussetzungen an die Handlung eines klassischen Adventure-Spiels zu erfüllen. Nicht so flach und zweckdienlich wie die Rettung einer Prinzessin vor dem Schildkrötenkönig, aber auch kein überaus komplexer Agententhriller mit mehreren Handlungs- und Wahrheitsebenen.

Syberia 3

Die herrische Irrenärztin Olga verfolgt finstere Pläne

Um die Geschichte spannend zu machen und etwas Konflikt in die Handlung zu bringen gibt es natürlich auch Widersacher, die einem versuchen Steine in den Weg zu legen. Hier offenbart sich eine der Schwächen der Handlung, denn die Motivation dieser Schurken wird kaum erklärt und einfach nur damit abgeschrieben, dass sie den Youkol ihren nomadischen Lebensstil nicht gönnen und sie unter Einsatz von Waffengewalt dazu zwingen möchten sesshaft zu werden um sich so in die moderne Gesellschaft einzufügen. Hier sieht man Parallelen zu den heutigen autonomen Gebieten der Urvölker in Russland, aber eine etwas tiefere Charakterisierung wäre trotzdem wünschenswert gewesen. Schließlich ist eine Geschichte nur so gut, wie die darin vorkommenden Bösewichte! Ohne große Teile vom Ende zu verraten, lässt sich sagen, dass es eindeutig darauf ausgelegt ist einen Ausblick auf ein mögliches Syberia 4 zu werfen.

Klassische Adventure-Kost mit Hindernissen

Syberia 3

Rätsel wie dieses wirken auf den ersten Blick kompliziert, lassen sich aber nach und nach lösen

Moderne Adventures nach Art von Telltale Games werden in der Fachpresse immer häufiger dafür kritisiert, dass sie sich nur einseitig auf die Handlung konzentrieren, dabei aber die ursprünglich wichtige Rätselkomponente oft vernachlässigen würden. An dieser Stelle muss ein deutliches Lob an Syberia 3 ausgesprochen werden. Microids hat es geschafft das ganz klassische Rätselgefühl wieder aufleben zu lassen. Besonders toll glänzen hier die dreidimensionalen Knobelaufgaben, bei denen es häufig darum geht Apparate durch den geschickten Einsatz von gefundenen Gegenständen und der richtigen Betätigung von Knöpfen und Hebeln wieder zum laufen zu kriegen. Syberia 3 bietet hier zwei Schwierigkeitsgrade. In „Reise“ bekommt ihr praktische Hinweise und Stellen, an denen ihr Gegenstände einsetzen könnt werden zusätzlich markiert. Für alle, die das klassische Abenteuergefühl ohne Kompromisse wollen empfiehlt sich der „Abenteuer“-Modus in dem alle Hilfen abgestellt werden. Diese Einstellungen können jederzeit im Optionsmenü angepasst werden. Eine nette Idee war auch die Möglichkeit alle Gegenstände in einer 3D-Ansicht von allen Seiten zu betrachten. Leider wird dieses Feature so gut wie kaum für Rätsel genutzt. Toll dagegen ist die Möglichkeit ein Problem auf mehrere Arten und Weisen zu lösen. So bietet das Spiel einem die Gelegenheit die Umgebung nach Hinweisen, die in Dokumenten oder Dialogen mit NPCs versteckt sind, zu erforschen. Damit kann man wichtige Charaktere noch besser von seiner Sache überzeugen und sich von ihnen helfen lassen. Vergeigt man den ersten Eindruck ist das aber kein Untergang. Nur muss man einige extra Schritte zur Lösung der Rätsel in Kauf nehmen. Dieser nicht-lineare Verlauf der Spielehandlung ist eine wirklich nette Idee und man würde gerne mehr davon in einer Fortsetzung sehen!

Syberia 3

Das verstrahlte Baranour wurde von Tschernobyl inspiriert

Waren die früheren Syberia Teile reine Point and Click-Adventures mit vorgerenderten Hintergrundbildern, so bewegt ihr euch in Syberia 3 durch weitflächige Spieleareale. Dies entspricht moderneren Spielergewohnheiten und klappt mit einem Controller wirklich gut. Einzelne Ausnahmen bilden gelegentliche nervige unsichtbare Mauern oder enge Stellen, an denen Kate gerne hängen bleibt. Es stellt sich allerdings auch die Frage, ob so großflächige Areale denn wirklich notwendig gewesen wären und man die Spielwelt nicht auch kompakter hätte gestalten können. Einige der Nachteile, die sich aus dieser Designentscheidung ergeben sind die oft langen Laufwege, die keinem anderen Zweck zu dienen zu scheinen, als die Spieldauer künstlich in die Länge zu ziehen, da die Gebiete oft etwas leer und trist wirken. Auch wird die Suche nach den Gegenständen, die man für das nächste Rätsel braucht dadurch erschwert, denn die Symbole, dass etwas aufgehoben werden kann, tauchen erst dann auf, wenn man kurz davor steht. Leider wirkt sich die Größe der Spielwelt auch nachteilig auf die Ladezeiten aus. So hat man es beim Wechsel zwischen den Gebieten oft mit Wartezeiten von über dreißig Sekunden zu tun. Das empfindet man als unangenehm!

Syberia 3

Seltene Übersetzungsfehler, wie in dieser Inschrift sind ein Grund Syberia 3 lieber auf Englisch zu spielen

Auch musste man in zwei Fällen auf Online-Lösungen zurückgreifen, denn die deutschen Übersetzungen waren hier schlichtweg irreführend, während die englische Fassung sofort verständliche Hinweise bot. Ein Beispiel wäre eine kurze Inschrift aus der man einen Zahlencode herauslesen soll. Im Deutschen lautet der Hinweis „[…] um die Ecke denken zu können.“ während es im Englischen „[…] to know how to think backwards.“ (zu wissen wie man seine Schritte zurückverfolgen kann) heißt. Die Bedeutung der beiden Phrasen unterscheidet sich hier deutlich voneinander. Schließlich gab es einen reproduzierbaren Glitsch, bei dem der Speicherstand neu geladen werden musste. Eine Komplettlösung bot aber auch hier Abhilfe, so dass das Spiel durchgespielt werden konnte.

Von fabelhaften Klängen und holprigen Stimmen

Syberia 3

Original sowjetische Propagandaplakate tragen zur dichten Atmosphäre des Spiels bei

Inon Zur, der Stammkomponist der Reihe, hat bei Syberia 3 wirklich ganze Arbeit geleistet! Zum einen haben seine Melodien einen einprägsamen Charakter und gehen sofort ins Ohr und zum anderen passen sie stets zur aktuellen Spielesituation. Man hat sogar mongolischen Kehlkopfgesang, welcher eine relativ obskure Musikerscheinung ist, in den Soundtrack eingebaut.

So großartig das Werk von Inon Zur auch ist, so schlampig ist leider die deutsche Vertonung des Spieles, die unter ständigen, groben Leichtsinnsfehlern leidet. Das beginnt bei der Abwesenheit von lippensynchronen Animationen, die ständig zu unfreiwilligen komischen Situationen führt, wenn die Lippen der Charaktere sich noch eine Sekunde weiterbewegen, nachdem die Tonspur schon verstummt ist. Überhaupt passiert es sehr häufig, dass die Tonaufnahmen während der Dialoge oft plötzlich abbrechen und nach ein paar Sekunden der Stille weitergehen, was das Eintauchen in den Spielefluss erschwert. Die Untertitel stimmen häufig mit dem gesprochenen Text nicht überein, was für Verwirrung sorgen kann. Schließlich sind da noch die Stimmen der weiblichen, älteren NPCs. Haben die Hauptcharaktere Synchronsprecher zugeteilt bekommen, die gut zu ihnen passen, so hat man ein etwas merkwürdiges Erlebnis, wenn man mit einem älteren Mütterchen redet und sie sich dabei wie eine knackige, blutjunge 20-jährige Youtuberin anhört. Alle diese beschriebenen Probleme kamen fast ausschließlich in der deutschen Sprachversion vor, weshalb es dringend empfohlen wird, das System der Playstation 4 auf Englisch zu stellen, denn eine Option die Tonsprache umzustellen, bietet Syberia 3 von sich aus leider nicht an. Mit jederzeit zuschaltbaren Untertiteln in mehreren Sprachen wird das Erlebnis durch die weitaus gelungenere englische Synchronisation aber gerettet!

Ein ruckeliges Abenteuer

Syberia 3

Durch Verhandlungsgeschick könnt ihr den Verlauf vieler Rätsel beeinflussen

Von einem Adventure-Titel erwartet man sich keine photorealistische Grafik eines „Uncharted 4“. Auch vergleichbare Genre-Vertreter zeichnen sich nicht unbedingt durch eine atemberaubende Optik oder Partikeleffekte aus. Man denke da nur an den comichaften Look der Telltale Games Spiele! Dennoch wirkt der Look von Syberia 3 leider etwas altbacken. Die Texturen sind oft schwammig und entsprechen eher dem Stand auf der Playstation 3/Xbox 360. Die Videosequenzen entsprechen sogar eher einem nostalgischen Playstation 2 Erlebnis, was eine der Schwächen der Unity-Engine ist. An wenigen Stellen im Spiel gab es fehlende Texturen, aufploppende Gebäude, oder Clipping-Fehler bei Charaktermodellen. Häufige Ruckeleinlagen fielen gerade in großen Bereichen unangenehm auf und störten dadurch den Spielefluss. Es stellt sich die Frage, ob eine insgesamt kleinere Spielwelt diesen Problemen einen Riegel hätte vorschieben können. Diese Kleinigkeiten trüben leider die wirklich schönen, einzigartigen Landschaften, die Kate Walker im Laufe ihres dritten Abenteuers durchstreift.

Syberia 3

Fazit:

Syberia 3 macht es einem wahrlich nicht einfach. Einerseits strotzt das Spiel vor kreativen Einfällen und guten Ideen, wie den einfallsreichen Rätseleinlagen, der authentischen osteuropäischen Spielewelt oder den mitreißenden Klängen von Inon Zur. Man sieht dem Spiel deutlich seinen Bezug zu den klassischen Adventure-Wurzeln an, denn Syberia 3 begnügt sich nicht nur mit kurzweiligen, scheinbar eindrucksvollen dramatischen Entscheidungsmomenten, die aber letztendlich doch keinen wirklichen Einfluss auf die Handlung haben, sondern bietet tatsächlich Substanz für Fans klassischer Abenteuer an. Auf der anderen Seite hätte etwas mehr Entwicklungszeit und Feinschliff unter Umständen die ständigen, kleinen Schönheitsfehler ausmerzen können. Gelegentliche Grafikfehler und eine fehlerhafte deutsche Synchronisation trüben das Gesamterlebnis. Fans klassischer Adventuretitel wird Syberia 3 dennoch empfohlen. Auch hoffe ich, dass Microids in einem möglichen nächsten Teil die oben erwähnten Probleme angehen wird. Das Zeug dazu hätten sie allemal!

Good

  • Charmante Spielwelt
  • Gelungene Rätsel
  • Großartiger Soundtrack

Bad

  • Schlechte deutsche Synchronisation
  • Häufige Ruckler
  • Flache Bösewichter
  • Schwammige Texturen
7

Gut

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