Horizon Zero Dawn (PlayStation 4) im Test – Offene Welt in Perfektion

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Von den Helghast und den Tücken der alten Welt

Guerilla – die meisten werden bei diesem Begriff wohl zuerst an die bekannte Militärtaktik denken. Im Videospielbereich hingegen erfreut ein gleichnamiges Studio seit Jahren die Spieler mit ihrer Killzone-Reihe all jene, die auf Hochglanz polierte Sci-Fi-Ego-Shooter stehen. Um so erfreulicheres ist es, dass das Studio Guerilla Games mit ihrem ersten genre-fremden Projekt seit 2004 direkt einen großen Wurf gelandet haben. Das Ergebnis: Das post-apokalyptische Action-Adventure Horizon Zero Dawn.

Horizon Zero Dawn

Die Überreste der alten Welt sind nun nicht mehr als ein Mahnmal der Geschichte.

Im Gegensatz zu den meisten Titeln aus dem Hause Guerilla Games, ist der neueste Spross kein futuristisch angehauchter Ego-Shooter, sondern ein waschechtes Open-World-Action-Adventure. Hier tauscht der Spieler die Gasmaske gegen Stammeskluft und das moderne Sturmgewehr gegen Pfeil und Bogen. Doch so anders ist die Grundidee beider Titel gar nicht. Horizon Zero Dawn spielt mehrere hundert Jahre nach dem Untergang der menschlichen Zivilisation. Die Überlebenden der zu Beginn nicht näher beschriebenen Katastrophe, haben sich in primitiven Stämmen zusammengeschlossen. Doch anstatt ausschließlich die heimische Fauna zu jagen, gesellt sich in dieser neuen Welt, vor allem eine gefährliche Bedrohung auf die Abschussliste: Maschinen, die optisch Wildtieren und urzeitlichen Riesenechsen nachempfunden sind. Der Spieler schlüpft in Horizon Zero Dawn in die Rolle der jungen Stammeskriegerin Aloy, die im Verlauf der Geschichte vor so einige Geheimnisse gestellt wird: Wo ist ihre Familie? Was ist mit der „Welt der Uralten“ geschehen? Woher kommen die befremdlich wirkenden Maschinen und woher kommt die Verderbnis, die sich immer mehr als tödlichen Bedrohung zu erkennen gibt?

Die Welt nach dem Kataklysmus: Das Ende vom Anfang

Horizon Zero Dawn

Der Fähigkeiten-Baum ist leider sehr linear, eine Spezialisierung ist nur am Anfang wichtig.

Im Gegensatz zu post-apokalyptischen Vorzeigetiteln wie Fallout 4 oder Metro: Last Light setzt Horizon Zero Dawn erfreulicherweise auf eine grüne Flora, die den Menschen überdauerte hat. Ähnlich wie schon im Geheimtipp Enclave: Odyssee to the West oder auch bei dem von Kritikern und Spielern gefeierten The Last of Us wirkt die Umgebung von Horizon Zero Dawn ungewöhnlich vertraut, aber durch seine mechanischen Bewohner auch erfrischend anders.

„It’s not the best game in the world – it’s just a tribute.“

Horizon Zero Dawn

Mit Hilfe ihres Fokus verfolgt Aloy die Spuren von Mensch und Tier.

Beim spielerischen Aspekt setzt das Team von Guerilla Games allerdings zum Großteil auf vertraute Tugenden: Die „Erobere Türme um die Karte aufzudecken“-Mechanik, die Spieler bereits aus jedem Ubisoft-Open-World-Spiel der letzten Jahre kennen dürften ist genau so wieder mit dabei, wie ein klassischer Fähigkeiten-Baum, bei dem nach und nach die einzelnen Fähigkeiten freigeschaltet werden. Ebenso ist die Weltkarte nach kurzer Zeit gespickt voll mit kleinen Hinweisen, die auf die verschiedenen Sammelgegenstände im Spiel hinweisen und den bekannten Banditenlagern, die nach und nach erobert werden müssen. Klingt alles vertraut, oder nicht? Doch zum Glück bedient sich Horizon Zero Dawn auch anderen Einflüssen: Das äußerst dynamische Kampfsystem, welches gekonnt Stealth- und Action-Herangehensweisen kombinieren lässt, ist eines der Highlights im Spiel.

Gut geplant ist halb gejagt

Horizon Zero Dawn

Wurde ein Ziel mit dem Fokus markiert, werden die Schwachstellen farblich hervorgehoben.

Was in anderen Open-World-Spielen wie FarCry 4 mit der Zeit zur Tortur wird, ist in Horizon Zero Dawn sowohl schmückendes Beiwerk als auch taktische Abwechslung: Die Jagd auf Wildtiere und die mechanischen Bestien. Wenn sich Jägerin Aloy auf die Pirsch macht, um eine Herde mechanischer Hirsche um ihre Bauteile zu erleichtern, ist eine vorausgehende Planungsphase von Vorteil. Mittels ihres Fokus (eine Relikt der alten Welt, welches als eine Art holografisches Interface agiert) kann Aloy nicht nur die Laufwege von Feinden markieren, bei einem Scan aus der Ferne werden auch die besonderen Schwachstellen der unterschiedlichen Metall-Tiere optisch hervorgehoben. Auf diese Weise können ungesehen Fallen platziert und Hinterhalte bis ins Details geplant werden. Fehlt nur noch ein gezielter Schuss mit dem Brandpfeil auf die hitzeempfindlichen Bauteile – und in Kürze liegt eine ganze Herde Graser am Boden; die Einzelteile können nun in Ruhe geplündert werden.

Mit Sprengbolzen gegen Cyber-Dinos

Horizon Zero Dawn

Schon in den ersten Minuten verzaubert die Spielwelt und lädt zum erkunden ein.

Keine Lust auf Schleichpassagen? Durch die Anwendung unterschiedlicher Munition (von Ultraschall-Pfeilen, die gezielt einzelne Bauteile absprengen zu elektrisch-aufgeladenen Hochgeschwindigkeitsbolzen) und ein äußerst flüssiges Bewegungssystem, bei dem sowohl einzelne Parcours-Manöver als auch geschickte Ausweichrollen möglich sind, ist auch die direkte Konfrontation mit den größeren Vertretern der Kybernetik-Dinosaurier ein wahrer Augenschmaus. Wer hier direkt an die taktische Finesse eines Monster Hunter denkt, ist gar nicht einmal so weit von der Realität entfernt, wie zunächst vermutet. Und wer komplett einem Kampf aus dem Weg gehen möchte, überbrückt flott ein mechanisches Pferd und sucht das Weite.

Große, vielfältige Welt

Horizon Zero Dawn

Am Ende jeder Brutstätte wartet eine besonders starke Maschine darauf, fachgerecht zerlegt zu werden.

Während die meisten Open-World-Spiele neben einem drögen Kampfsystem oftmals an einer lieblosen Welt kranken, bedient sich Horizon Zero Dawn geschickt einer Kombination aus subtilen Hinweisen und geschichtsrelevanten Nebenmissionen. Zu keiner Zeit fühlt sich die Welt leer oder auch zwanghaft angefüllt an, ab der ersten Sekunde wird der Spieler direkt in die malerische Post-Apokalypse gezogen. Sogar die vielen optionalen Sammelgegenstände, etwa Holo-Logs oder die „Gefäße der Vergangenheit“ bieten stets einen weiteren Einblick auf die vergangenen Geschehnisse. Immer wieder ertappe ich mich, wie ich bewusst den Hinweisen nachgehe, um weiter die Geheimnisse der Spielwelt aufzudecken. Auch die auf der ganzen Karte verteilten Brutstätten der Techno-Vierbeiner laden zum Erkunden ein. Und spätestens wenn mich ein alter Bekannter, für den ich Stunden zuvor in einer Neben-Quest einen kleinen Gefallen erledigt habe, in einer Folgemission erneut begrüßt, festigt sich das Gefühl, einen Unterschied in dieser Welt zu machen.

Horizon Zero Dawn
Lars Konrad
senior editor

Fazit

Horizon Zero Dawn setzt die Latte bei Open-World-Titel auf einen neuen Höchstpunkt. Zwar sind einige Mechaniken wie das bisher nicht für den weiteren Spielverlauf relevante Dialogsystem noch nicht ganz ausgereift, allerdings bietet die post-apokalyptische Spielwelt schon jetzt mehr Leben, als es viele etablierte Spielereihen davor bieten konnten. Wer bisher noch einen triftigen Grund dafür gesucht hat, sich endlich eine PlayStation 4 oder gar eine PlayStation 4 Pro ins Haus zu holen, macht mit dem wohl bisher besten Exklusivtitel auf Sonys aktueller Heimkonsole alles richtig.

Good

  • Offene Spielwelt, in der es viel zu Endecken gibt
  • Nebenmissionen nicht nur Füllwerk zur Spielzeit-Streckung
  • Dynamisches Kampfsystem
  • Optisch beeindruckende Art-Direction und liebevolle Charakteranimationen
  • Fotomodus sorgt für viele Wow-Momente
  • Packend inszenierte Geschichte mit viele Liebe zum Details und einigen Plot-Twists

Bad

  • Teilweise hölzerne Animationen in Dialogen
  • Deutsche Sprachausgabe nur selten synchron mit den Gesichtsanimationen
  • Wahl der Dialogoption hat keinerlei Einfluss auf das weitere Spielgeschehen
  • Sehr einfach gehaltener Skill-Baum, der nur am Anfang eine Spezialisierung vorgaukelt
9.5

Genial

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